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Spaß für Prinzessinnen und Superstars

Mit den Clinic-Clowns Hannover im Kinderkrankenhaus auf der Bult

30. Oktober 2016

Der Flur im Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover ist ein geschäftiger Ort. Besucher, Pfleger und Patienten gehen zielstrebig hindurch. Sie schieben Gerätschaften, Rollstühle oder Esstabletts vor sich her und verschwinden in den Zimmern. Doch als 2 junge Mädchen auftauchen, ist plötzlich alles anders.

Die beiden werden scharf von einer Gruppe Clowns beobachtet, die mit roten Nasen und bunter Kleidung hinter einer Ecke stehen. „Hohohohoho“, sagt die Clownfrau. „Wisst ihr, wer die beiden sind? Das sind Superstars! Ich habe mir gerade schon ein Autogramm geholt.“ Die Mädchen kichern und scheinen mit einem Mal zu schweben, als läge auf dem blitzsauberen Fußboden ein roter Teppich.

4 Clowns gehen an diesem Mittwochvormittag von Raum zu Raum: Petronella mit den wuscheligen Haaren, Socke mit der roten Mütze, Fanny mit der bequemen Latzhose – und als einziger Herr im Quartett der junge Momo. Er geht in der Rolle des poetischen Tramps dermaßen auf, dass man sich ihn als Alltagsmenschen gar nicht vorstellen kann.

Die 4 gehören zu den Clinic-Clowns Hannover und besuchen das Kinderkrankenhaus auf der Bult regelmäßig. Sie alle sind erfahrene Bühnenkünstler, von denen viele abends im Varieté oder auf Festivals auftreten. Auf der Kinderstation hingegen würde ein sorgfältig ausgearbeitetes Programm nicht viel nutzen. Hier ist in jedem Augenblick die Kunst der Improvisation gefragt. Für junge Patienten und ihre Eltern ist ein Klinikaufenthalt oft mit großen Sorgen und Ängsten verbunden. Die Clowns halten dagegen, indem sie der ganzen Situation einfach eine neue, magische Realität überstülpen. „Machst du hier auch Urlaub?“, fragen sie ein Mädchen, das im Schlafanzug auf seinem Bett sitzt. „Oder sogar … Wellness?“ Das Mädchen und seine Mutter lachen.

Die Clowns tänzeln über sprachliche und kulturelle Barrieren mühelos hinweg. Youssef, ein Arabisch sprechender Junge, weiß kaum, wie ihm geschieht: Eben noch sahen er und seine Verwandten seelenruhig fern, als Fanny und Socke ins Zimmer schneien und ihm die Fernbedienung entwenden. Es folgen allerlei Späße, Verwünschungen und Reparatur-Zauber rund um das Rentnerklavier. Youssef ist erst misstrauisch, aber dann muss er doch grinsen. Die Verwandten holen ihre Smartphones heraus und fotografieren die Szene.

Das leichteste Spiel haben die Clowns mit den ganz Kleinen. Momo braucht nur ein paar Seifenblasen zu pusten, und die 3-Jährigen liegen ihm zu Füßen. Er zückt eine winzige Kamera und blitzt damit wie wild durchs Zimmer. „Ich hab alles auf dem Foto drauf“, verkündet er, „in Schwarzweiß, aber ohne Weiß“. Nicht schwarzweiß, sondern knallrot sind die aufsteckbaren Clowns-Nasen, die Momo nach Belieben herbeizaubern und verschwinden lassen kann. Ein kleines Mädchen ist davon begeistert, aber auf der eigenen Nase will es das flauschige Dinge auf gar keinen Fall sitzen haben. Schließlich hat man einen Ruf als Prinzessin und zukünftiger Superstar zu verlieren. Besonders schöne Seifenblasen werden 3 Sekunden lang eifersüchtig gehütet, bevor sie platzen.

Die Mütter lachen, es fließen sogar Freudentränen. Tagelang aufgestaute Anspannung löst sich. „Wir nehmen hier jeden wahr“, hatten die Clowns vor ihrem Auftritt erklärt, „von den Patienten über die Eltern bis zur Reinigungskraft. Und wir tun allen gut.“ Auf dem Flur treffen sie einen Jungen, der im Rollstuhl vorbeigeschoben wird. Die Clowns greifen zur Gitarre und singen eine Melodie ohne Anfang und Ende, aber mit einem kräftigen Rhythmus. Der Junge ist außer sich vor Freude. Er richtet sich in seinem Stuhl auf und beginnt, mit dem Oberkörper zu tanzen. Minutenlang dauert das Lied, die Clowns haben alle Zeit der Welt. Manchmal schenkt auch ein kurzes Glück ein Stückchen Ewigkeit.

Kurz vor dem Einsatz auf der Kinderstation: Bei den Clowns Anke Küpper (Petronella), Beate Brennecke-Köhler (Fanny), Antje Kilian (Socke) und Timo Lesniewski (Momo) steigt die Spannung. Dennoch nimmt sich das Quartett Zeit für einige Fragen.

Wie wird man Clinic-Clown?
Küpper:
Wir haben alle dieses Handwerk gelernt. Wir haben die Clownsschule in Hannover besucht, eine Figur entwickelt – und die Klinik- Clownerie baut darauf auf.
Brennecke-Köhler: Auf der Bühne ist der Clown der Star, bei den Clinic- Clowns sind die Kinder die Stars. Wir wissen nie, was passieren wird. Es gibt zwar ein paar Routinen, die wir eingeübt haben, aber im Zimmer improvisieren wir.

Ist es einfach, Kontakt zu den Kindern aufzubauen?
Küpper:
Wir tasten uns langsam ran. Manchmal sagt ein Kind zu Beginn: „Nein, ihr dürft nicht reinkommen!“ Und am Ende stehen wir doch vor dem Bett. Wir sind ein Angebot. Alles andere hier überrollt die Kinder oft, sie dürfen nicht Nein sagen zu Spritzen und Behandlungen. Aber bei uns können sie Nein sagen. Wir kommen dann nicht rein, sondern spielen mit der Grenze und versuchen einen langsamen Vertrauensaufbau.
Brennecke-Köhler: Zwischen uns und den Kindern entstehen oft ganz nahe, magische Momente. Dann geht man hinterher raus und sagt: „Boah, war das schön.“
Kilian: Eine unserer Aufgaben ist es auch, die Menschen in den Zimmern untereinander zu vernetzen. Wenn wir da waren, wissen die Kinder oft zumindest, wie ihr Bettnachbar heißt und ob er Affen mag.

Wie gehen Sie mit Angst, Anspannung und Traurigkeit um?
Brennecke-Köhler:
Die Kinder und Eltern sind hier in einer Ausnahmesituation. Aber da können wir sehr gut helfen. Wir bringen die ganze Kinderwelt mit. Wir fragen nicht „Wie geht es dir?“, sondern wir sagen: „Hier bin ich! Was machen wir?“
Küpper: Oder wir fragen: „Macht ihr hier Urlaub? Oder Winterschlaf?“ Dann müssen die Kinder schon lachen. Wir nehmen das Desinfektionsmittel als Parfüm und finden es ganz köstlich.

Nehmen Sie traurige Geschichten mit nach Hause?
Küpper:
Als Clinic-Clowns stehen wir niemals hilflos am Bett. Wir können etwas tun, und das verändert die Situation.
Lesniewski: Wenn es erschütternde Geschichten gibt, reden wir hinterher miteinander darüber, wenn wir uns umziehen. Das hilft mir sehr. Wir spielen auch immer in denselben Teams und gehen zu zweit in ein Patientenzimmer.

Wie finanzieren sich die Clinic- Clowns?
Brennecke-Köhler:
Der Verein und die Kliniken sammeln Spenden. Wir kaufen unser Material selber und versichern uns selber – wir sind Freiberufler. Wenn wir Urlaub machen oder krank sind, werden wir nicht bezahlt.

Haben die Krankenkassen Interesse an einer Beteiligung?
Küpper: Unser deutschlandweites Konzept mit dem Dachverband zielt darauf hin. Eine Beteiligung der Krankenkassen an unserer Arbeit wäre das i-Tüpfelchen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Kirsten Kaawar und Manuel Jennen.

Schlagworte:

Ausgabe:

FORUM 15

Kategorie:

Gesundheit & Pflege

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